Die Kettenhaftung in den Niederlanden (ketenaansprakelijkheid) bedeutet, dass Sie als Auftragnehmer gesamtschuldnerisch für die niederländischen Lohnabgaben Ihres Nachunternehmers haften. Das betrifft deutsche Bau-, Montage- und Industrieunternehmen, die in den Niederlanden Arbeiten weitervergeben oder selbst als Nachunternehmer tätig sind. Lassen Sie Ihren Nachunternehmervertrag prüfen, bevor die Arbeiten beginnen: Mit einem g-Konto, sauberer Dokumentation und klaren Freistellungsklauseln begrenzen Sie das Risiko.
Was ist die Kettenhaftung nach niederländischem Recht?
Die Kettenhaftung verpflichtet den Auftragnehmer (aannemer), gesamtschuldnerisch für die Lohnsteuer einzustehen, die sein Nachunternehmer für das weitergegebene Werk schuldet. Das gilt für jeden weiteren Nachunternehmer in der Kette. Grundlage ist Artikel 35 Absatz 1 der Invorderingswet 1990.
Unter Lohnsteuer fallen hier auch die Sozialversicherungsbeiträge, die der Arbeitgeber zusammen mit der Lohnsteuer abführt. So definiert es Artikel 1 Buchstabe i der Uitvoeringsregeling inleners-, keten- en opdrachtgeversaansprakelijkheid 2004. Die Belastingdienst spricht deshalb von loonheffingen. Für Bußgelder, die gegen den Nachunternehmer verhängt werden, haften Sie nicht; das regelt der letzte Satz von Artikel 35 Absatz 1.
Jeder Nachunternehmer gilt gegenüber seinem eigenen Nachunternehmer als Auftragnehmer (Artikel 35 Absatz 3 Buchstabe a). Die Haftung wandert also die Kette hinauf. Einen Überblick über die Gesamtschuld im niederländischen Recht finden Sie im Beitrag zur gesamtschuldnerischen Haftung in den Niederlanden.
Gilt die Kettenhaftung auch für ausländische Unternehmen?
Ein deutscher Auftragnehmer haftet, wenn sein Nachunternehmer das Werk in den Niederlanden ausführt und dafür dort Lohnabgaben schuldet. Führt der Nachunternehmer die Arbeiten im Ausland aus, haftet der ausländische Auftragnehmer nicht nach Artikel 35 (Leidraad Invordering 2008, Abschnitt 35.4).
Der Sitz Ihres Unternehmens schützt Sie also nicht. Es kommt darauf an, wo das Werk entsteht und ob dort niederländische Lohnabgaben anfallen. Ob ein entsandter Arbeitnehmer in den Niederlanden lohnsteuerpflichtig ist oder einem Sozialversicherungssystem unterliegt, ist eine steuer- und sozialrechtliche Frage. Dafür wenden Sie sich an die Belastingdienst oder an einen Steuerberater; MAAK Advocaten berät nicht im Steuerrecht.
Welche Arbeiten fallen unter ein Werk stofflicher Art?
Ein Werk stofflicher Art (werk van stoffelijke aard) führt in der Regel zu einem greifbaren Ergebnis, etwa Bauen, Montieren, Abbrechen, Instandhalten oder Herstellen. Auftragnehmer im Sinne von Artikel 35 Absatz 2 Invorderingswet 1990 ist nur, wer ein solches Werk außerhalb eines Arbeitsverhältnisses gegen Entgelt ausführt.
Der steuerliche Begriff reicht weiter als der zivilrechtliche Werkvertrag nach niederländischem Recht (Artikel 7:750 BW). Laut Abschnitt 35.2.1 der Leidraad Invordering 2008 wollte der Gesetzgeber alle Wirtschaftszweige erfassen. Werke, die überwiegend auf geistiger oder intellektueller Arbeit beruhen, fallen dagegen nicht darunter. Ob Sie einen Pauschalpreis oder eine Abrechnung nach Aufwand vereinbaren, spielt nach dem Gesetzeswortlaut keine Rolle.
Wie unterscheidet sich die Kettenhaftung von der Entleiherhaftung?
Bei der Kettenhaftung vergeben Sie ein Werk weiter; bei der Entleiherhaftung (inlenersaansprakelijkheid) arbeiten überlassene Arbeitnehmer unter Ihrer Aufsicht oder Leitung. Für die Arbeitnehmerüberlassung gilt Artikel 34 Invorderingswet 1990, und diese Haftung umfasst zusätzlich die Umsatzsteuer des Verleihers.
| Merkmal | Kettenhaftung | Entleiherhaftung |
|---|---|---|
| Rechtsgrundlage | Art. 35 Invorderingswet 1990 | Art. 34 Invorderingswet 1990 |
| Situation | Weitervergabe eines Werks stofflicher Art | Überlassene Arbeitnehmer unter Ihrer Leitung |
| Abgaben | Lohnsteuer und Beiträge | Lohnsteuer, Beiträge und Umsatzsteuer |
| g-Konto | Art. 35 Abs. 5 | Art. 34 Abs. 3 |
Maßgeblich sind die tatsächlichen Verhältnisse, nicht die Bezeichnung im Vertrag. Für Entleiher ändert sich zudem etwas: Ab dem 1. Januar 2027 vermutet das Gesetz die Höhe der Entleiherhaftung je Zeitraum mit 35 Prozent des Rechnungsbetrags, abzüglich der Zahlungen auf das g-Konto des Verleihers (neuer Artikel 34a Invorderingswet 1990, Stb. 2025, 431). Wetten.overheid.nl führt diesen Text derzeit als künftige Fassung.
Welche Ausnahmen kennt die Kettenhaftung?
Artikel 35 Absatz 4 Invorderingswet 1990 nennt zwei Ausnahmen: Arbeiten, die ganz oder größtenteils am Ort der Niederlassung des Nachunternehmers ausgeführt werden, und Arbeiten, die einem Kauf einer bestehenden Sache untergeordnet sind. Für die Herstellung von Kleidung gilt die erste Ausnahme nicht.
Die erste Ausnahme passt etwa auf eine Schreinerei, die Fensterrahmen in ihrer eigenen Werkstatt fertigt. Einen Prozentsatz für „größtenteils“ nennt das Gesetz nicht. Halten Sie deshalb fest, wo die Arbeiten stattfinden, zum Beispiel mit einer Stundenerfassung je Standort. Außerdem entfällt die Haftung, wenn glaubhaft ist, dass niemand in der Kette die Nichtzahlung zu vertreten hat (Artikel 35 Absatz 6). Abschnitt 35.8.2 der Leidraad nennt Fälle, in denen die Behörde ein Verschulden annimmt, etwa wenn Sie einen Nachunternehmer beauftragen, von dem Sie wussten oder wissen konnten, dass er seine Zahlungspflichten nicht erfüllt.
Wen nimmt die Belastingdienst zuerst in Anspruch?
Der Steuereinnehmer (ontvanger) nimmt grundsätzlich zuerst den Auftragnehmer in Anspruch, der direkt mit dem säumigen Nachunternehmer kontrahiert hat. Diese Reihenfolge beschreibt Abschnitt 35.11 der Leidraad Invordering 2008. Die Haftungsinanspruchnahme erfolgt durch Bescheid nach Artikel 49 Invorderingswet 1990.
Von dieser Reihenfolge darf der Steuereinnehmer abweichen. Hat ein Auftragnehmer zumutbare Vorkehrungen unterlassen, kann er ihn vorrangig in Anspruch nehmen, unabhängig von seiner Stellung in der Kette. Droht die Schuld sonst unbezahlt zu bleiben, kann er sofort die gesamte Kette haftbar machen.
Planen Sie Arbeiten in den Niederlanden mit eigenen Nachunternehmern, oder liegt Ihnen bereits ein Schreiben der Belastingdienst vor? MAAK Advocaten prüft mit Ihnen, welche Vereinbarungen Ihre Nachunternehmerverträge brauchen. Sprechen Sie uns zu Ihren Nachunternehmerverträgen an.
Wie funktioniert das g-Konto?
Das g-Konto (g-rekening) ist ein gesperrtes Bankkonto des Nachunternehmers, auf das Sie den Lohnabgabenanteil der Vergütung überweisen. Was Sie dort nach den Regeln einzahlen, mindert Ihre Haftung (Artikel 35 Absatz 5 Invorderingswet 1990).
Das Guthaben ist ausschließlich für die Zahlung von Lohn- und Umsatzsteuer bestimmt, und der Steuereinnehmer hat daran ein Pfandrecht (Artikel 1 Buchstabe k der Uitvoeringsregeling). Ein g-Konto lässt sich nur bei einer Bank eröffnen, bei der der Nachunternehmer bereits ein Geschäftskonto führt. Die Antwort auf den Antrag kommt laut der Belastingdienst innerhalb von 3 Wochen. Der Schutz entfällt, wenn Sie wussten oder vermuten mussten, dass der Nachunternehmer das Geld nicht an den Fiskus weiterleitet.
Einen festen Prozentsatz für die Einzahlung schreibt das Gesetz nicht vor. Die Belastingdienst spricht vom geschätzten Betrag der Lohnabgaben und empfiehlt, die Nutzung des g-Kontos vorab zu vereinbaren. Ein Selbständiger ohne Personal (zzp’er) erhält kein g-Konto, weil er keine Lohnabgaben einbehält.
Welche Dokumentation verlangt die Uitvoeringsregeling?
Eine Zahlung auf das g-Konto zählt nur, wenn Sie Artikel 6 der Uitvoeringsregeling inleners-, keten- en opdrachtgeversaansprakelijkheid 2004 einhalten. Die Anforderungen betreffen die Rechnung, die Zahlung und Ihre Buchführung. Fehlt etwas, berücksichtigt der Steuereinnehmer nur, was ihn tatsächlich erreicht hat.
- Die Rechnung des Nachunternehmers erfüllt Artikel 35a Wet op de omzetbelasting 1968 und nennt Vertragsnummer oder -kennzeichen, den Leistungszeitraum und die Bezeichnung des Werks.
- Ihre Zahlung nennt die Rechnungsnummer, damit sich die Rechnung in Ihrer Buchführung sofort finden lässt.
- Ihre Buchführung enthält den Vertrag, die Angaben zur Ausführung mit einer Erfassung der eingesetzten Personen und ihrer Arbeitstage und -stunden sowie alle Zahlungen.
Die niederländische Aufbewahrungspflicht beträgt sieben Jahre (Artikel 52 Absatz 4 Algemene wet inzake rijksbelastingen). Für die Arbeitnehmer des Nachunternehmers sollten Sie außerdem Identität und gegebenenfalls die A1-Bescheinigung festhalten. Abschnitt 35.9 der Leidraad nennt diese Angaben für den Fall, dass die Behörde Ihre Haftung mäßigen soll. Die Verarbeitung muss der DSGVO entsprechen; die niederländische Bürgerservicenummer (BSN) darf nach Artikel 46 UAVG nur für gesetzlich bestimmte Zwecke verwendet werden.
Was sagt eine Bescheinigung über das Zahlungsverhalten aus?
Die verklaring betalingsgedrag ketenaansprakelijkheid bestätigt, dass der Nachunternehmer seine erklärten und nachveranlagten Lohnabgaben bezahlt hat. Der Nachunternehmer beantragt sie selbst bei der Belastingdienst. Für die Zukunft garantiert sie nichts (Leidraad Invordering 2008, Abschnitt 35.12.1).
Die Bescheinigung weist selbst darauf hin, dass sie keine Freistellung von der Haftung nach Artikel 35 bietet (Abschnitt 35.12.6). Nutzen Sie sie als Warnsignal, nicht als Ersatz für das g-Konto. Ein Selbständiger ohne Personal erhält keine Bescheinigung, sondern eine schriftliche Ablehnung, die er Ihnen vorlegen kann. Ein Führungszeugnis sagt über Lohnabgaben nichts aus.
Wie verhält sich das zur deutschen Generalunternehmerhaftung?
Auch das deutsche Recht kennt eine Haftung des Hauptunternehmers: Nach § 28e Absatz 3a SGB IV haftet ein Unternehmer des Baugewerbes wie ein selbstschuldnerischer Bürge für die Sozialversicherungsbeiträge seines Nachunternehmers. § 13 MiLoG verweist für den Mindestlohn auf § 14 AEntG.
Die beiden Systeme stehen nebeneinander. Die niederländische Kettenhaftung betrifft niederländische Lohnabgaben und gilt für jedes Werk stofflicher Art, also auch außerhalb des Baugewerbes. Die Uitvoeringsregeling knüpft an niederländische Nachweise an; eine deutsche Präqualifikation oder Unbedenklichkeitsbescheinigung ersetzt das g-Konto daher nicht. Prüfen Sie Ihre Verträge daher auf beide Rechtsordnungen.
Was sollte im Nachunternehmervertrag stehen?
Das Gesetz schützt Sie nur, soweit Sie die Voraussetzungen erfüllen; den Rest regeln Sie im Vertrag. Ein guter Nachunternehmervertrag koppelt die Zahlung an das g-Konto und an Artikel 6 der Uitvoeringsregeling. Zudem sichert er Ihnen einen Rückgriff, wenn die Belastingdienst Sie in Anspruch nimmt.
- Teilen Sie jede Abschlagszahlung in einen Betrag für das g-Konto und einen für das normale Konto, und legen Sie die Berechnung fest.
- Verpflichten Sie den Nachunternehmer zu Rechnungen, die Artikel 6 der Uitvoeringsregeling entsprechen.
- Verlangen Sie je Zeitraum eine Personalliste, eine Stundenerfassung und eine aktuelle Bescheinigung über das Zahlungsverhalten.
- Untersagen Sie eine Weitervergabe ohne Ihre schriftliche Zustimmung.
- Vereinbaren Sie eine Freistellungsklausel und das Recht, Zahlungen zurückzuhalten, solange Unterlagen fehlen.
Stellen Sie sich vor, ein deutsches Stahlbauunternehmen montiert eine Halle in Venlo und vergibt die Schweißarbeiten an einen niederländischen Betrieb mit sechs Arbeitnehmern. Der Vertrag sieht vor, dass ein Teil jeder Abschlagszahlung auf dessen g-Konto fließt und die Schweißer täglich erfasst werden. Zahlt der Betrieb seine Lohnabgaben nicht, mindern die ordnungsgemäßen Einzahlungen die Haftung des deutschen Unternehmens. Für den Rest bleibt der Anspruch aus der Freistellungsklausel. Mehr zu den Vertragsgrundlagen lesen Sie bei den Bauverträgen in den Niederlanden und auf der Seite zum niederländischen Vertragsrecht.
Wie legen Sie Einspruch gegen einen Haftungsbescheid ein?
Gegen einen Haftungsbescheid nach Artikel 49 Invorderingswet 1990 können Sie beim Steuereinnehmer Einspruch (bezwaar) einlegen. Die Frist beträgt sechs Wochen (Artikel 6:7 Algemene wet bestuursrecht) und beginnt am Tag nach der Bekanntgabe des Bescheids.
Mögliche Einwände sind etwa, dass kein Werk stofflicher Art vorlag oder eine Ausnahme nach Artikel 35 Absatz 4 greift. Weitere Gründe sind Einzahlungen auf das g-Konto und fehlendes Verschulden in der Kette. Für die steuerliche Berechnung ziehen Sie einen Steuerberater hinzu. Bei der vertraglichen Seite, etwa dem Rückgriff auf Ihren Nachunternehmer, unterstützt Sie MAAK Advocaten.
Sie vergeben Arbeiten in den Niederlanden oder arbeiten dort selbst als Nachunternehmer? MAAK Advocaten berät deutsche Unternehmen zu Nachunternehmerverträgen, g-Konto-Vereinbarungen und Freistellungsklauseln nach niederländischem Recht. Lassen Sie Ihren Nachunternehmervertrag prüfen.
Häufig gestellte Fragen zur Kettenhaftung in den Niederlanden
Haftet ein deutscher Hauptunternehmer für seinen niederländischen Nachunternehmer?
Ein deutscher Auftragnehmer haftet nach Artikel 35 Invorderingswet 1990, wenn der Nachunternehmer das Werk in den Niederlanden ausführt und dort Lohnabgaben schuldet. Der Sitz des Auftragnehmers ist dafür unerheblich (Leidraad Invordering 2008, Abschnitt 35.4).
Hafte ich auch für die Umsatzsteuer meines Nachunternehmers?
Die Kettenhaftung nach Artikel 35 betrifft Lohnsteuer und die zusammen damit abgeführten Beiträge. Für Umsatzsteuer haften Sie nach Artikel 34 nur als Entleiher, wenn Ihnen Arbeitnehmer überlassen werden.
Kann ein deutsches Unternehmen ein g-Konto eröffnen?
Die Belastingdienst wirkt auf schriftlichen Antrag mit, wenn der Nachunternehmer gewerbsmäßig Werke in Unteraufträgen ausführt und in den Niederlanden einbehaltungspflichtig ist (Artikel 2 Uitvoeringsregeling). Die Belastingdienst verlangt vorab eine niederländische Lohnsteuernummer, und das Konto muss bei einer in den Niederlanden zugelassenen Bank liegen, bei der bereits ein Geschäftskonto besteht.
Wie lange muss ich die Unterlagen aufbewahren?
Die allgemeine niederländische Aufbewahrungsfrist beträgt sieben Jahre (Artikel 52 Absatz 4 Algemene wet inzake rijksbelastingen). Bewahren Sie Verträge, Rechnungen, Zahlungsbelege und Stundenerfassungen mindestens so lange auf.
Gilt die Kettenhaftung auch bei Abrechnung nach Stunden?
Artikel 35 Absatz 2 Invorderingswet 1990 verlangt nur, dass das Werk gegen einen zu zahlenden Preis (tegen een te betalen prijs) ausgeführt wird. Ein Stundenlohnvertrag oder eine Abrechnung nach Aufwand fällt deshalb ebenso darunter wie ein Pauschalpreis.