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Ein niederländischer Schuldner gerät in Verzug, sobald ein vereinbartes Zahlungsziel abläuft (Art. 6:83 Burgerlijk Wetboek, BW). Fehlt ein Zahlungsziel, braucht es eine schriftliche Mahnung mit angemessener Frist (Art. 6:82 BW). Ab Verzug schuldet der Schuldner gesetzliche Zinsen. Bei Verträgen zwischen Unternehmen laufen die Handelszinsen ohne Zahlungsziel auch ohne Mahnung ab 30 Tagen nach Rechnungserhalt (Art. 6:119a BW). Für Inkassokosten gelten eigene Voraussetzungen (Art. 6:96 BW). Die Eintreibung folgt einem zweistufigen Verfahren: außergerichtliche Mahnung, danach gerichtliche Klage.
Das niederländische Inkassorecht unterscheidet sich in wesentlichen Punkten vom deutschen — insbesondere bei gesetzlichen Zinssätzen, Verjährungsfristen und den Anforderungen an das Mahnschreiben (aanmaning). Fehler in diesen Bereichen können dazu führen, dass Zinsen und Inkassokosten nicht geschuldet sind oder die Forderung verjährt.
Wie läuft ein Inkassoverfahren in den Niederlanden ab?
Ein niederländisches Inkassoverfahren gliedert sich in zwei Phasen: die außergerichtliche Phase mit anwaltlichem Mahnschreiben und die gerichtliche Phase mit Klageeinreichung beim zuständigen Gericht.
Außergerichtliche Phase: Das Verfahren beginnt in der Regel mit einem Mahnschreiben (aanmaning), oft durch einen niederländischen Anwalt. Vorgeschrieben ist ein Anwalt dafür nicht. Darin werden die Hauptforderung, die gesetzlichen Handelszinsen (wettelijke handelsrente) und die außergerichtlichen Inkassokosten geltend gemacht. Bei einem Vertrag zwischen Unternehmen laufen die Handelszinsen ab dem Tag nach dem vereinbarten Zahlungsziel. Ohne Zahlungsziel laufen sie grundsätzlich 30 Tage nach Erhalt der Rechnung (Art. 6:119a BW). Der Zinssatz entspricht dem Hauptrefinanzierungssatz der Europäischen Zentralbank plus acht Prozentpunkte (Art. 6:120 Abs. 2 BW). Im zweiten Halbjahr 2026 sind das 10,4 %. Gegenüber Verbrauchern gilt ab Verzug der gesetzliche Zins (Art. 6:119 BW) von 4 % (Besluit vaststelling wettelijke rente). Auf dieses Schreiben reagiert ein zahlungswilliger Schuldner in der Mehrheit der Fälle — entweder mit vollständiger Zahlung oder mit dem Angebot einer Zahlungsvereinbarung. In der Praxis bedeutet dies: Wer früh einen niederländischen Anwalt einschaltet, kann das Gerichtsverfahren häufig vermeiden.
Außergerichtliche Inkassokosten: Die Höhe richtet sich nach dem Besluit vergoeding voor buitengerechtelijke incassokosten (BIK). Es gelten 15 % über die ersten 2.500 € der Hauptforderung, 10 % über die nächsten 2.500 €, 5 % über die nächsten 5.000 €, 1 % über die nächsten 190.000 € und 0,5 % über den Rest. Die Vergütung beträgt mindestens 40 € und höchstens 6.775 € (Art. 2 BIK). Bei einem Handelsvertrag schuldet der Schuldner mindestens 40 € schon ab dem Tag nach dem Zahlungsziel, ohne Mahnung (Art. 6:96 Abs. 4 BW). Im Geschäftsverkehr können die Parteien eine andere Regelung vereinbaren (Art. 6:96 Abs. 5 BW), den Mindestbetrag von 40 € aber nicht zum Nachteil des Gläubigers unterschreiten (Art. 6:96 Abs. 4 BW). Von einem Verbraucher können Sie die Kosten erst verlangen, wenn er nach Verzugseintritt eine Mahnung mit einer Zahlungsfrist von 14 Tagen nicht befolgt hat (Art. 6:96 Abs. 6 BW).
Gerichtliche Phase: Reagiert der Schuldner nicht, erhebt der Gläubiger Klage beim zuständigen niederländischen Gericht (rechtbank). Forderungen bis 25.000 €, einschließlich der bis zur Ladung aufgelaufenen Zinsen, behandelt der Kantonrichter (kantonrechter) (Art. 93 Wetboek van Burgerlijke Rechtsvordering, Rv). Bei grenzüberschreitenden Forderungen kommt auch das Europäische Mahnverfahren nach der Verordnung (EG) Nr. 1896/2006 in Betracht. Zuständig ist in den Niederlanden ausschließlich die Rechtbank Den Haag (Art. 2 Uitvoeringswet verordening Europese betalingsbevelprocedure). Bei unbestrittenen Forderungen ergeht ein Versäumnisurteil (verstek vonnis) in der Regel innerhalb von vier bis sechs Wochen. Mit diesem Urteil als Vollstreckungstitel kann ein niederländischer Gerichtsvollzieher (deurwaarder) — vergleichbar dem deutschen Gerichtsvollzieher — die Forderung zwangsweise beitreiben, etwa durch Pfändung von Bankkonten oder beweglichem Vermögen.
Wie schnell jede Phase verläuft, hängt stark vom Einzelfall ab: Ein kooperativer Schuldner macht eine außergerichtliche Lösung möglich; bei hartnäckiger Zahlungsverweigerung führt kein Weg am Gericht vorbei. Wir bei MAAK Advocaten begleiten Sie in beiden Phasen — von der ersten Mahnung bis zur Vollstreckung.
Wann kann ein Inkassoverfahren in den Niederlanden nicht eingeleitet werden?
Nicht jede Forderung gegen einen niederländischen Schuldner lässt sich sofort per Inkasso einziehen. Drei Ausschlussgründe sind besonders häufig:
| Ausschlussgrund | Erläuterung | Handlungsempfehlung |
|---|---|---|
| Forderung noch nicht fällig | Zahlungsziel läuft noch | Frist abwarten, dann Mahnschreiben |
| Forderung verjährt | Verjährungsfrist abgelaufen | Anwalt prüfen lassen; künftig Verjährung rechtzeitig unterbrechen (stuiting) |
| Schuldner insolvent | Insolvenzverfahren eingeleitet | Forderung beim Insolvenzverwalter anmelden |
Noch nicht fällige Forderungen: Befindet sich der Schuldner noch innerhalb des vereinbarten Zahlungsziels, liegt kein Verzug vor — das Inkassoverfahren kann nicht eingeleitet werden. Nach Art. 6:83 lit. a BW tritt Verzug ohne Mahnung ein, wenn ein vereinbartes Zahlungsziel abläuft, es sei denn, die Frist hat erkennbar einen anderen Zweck. Fehlt ein solches Ziel, braucht es eine schriftliche Mahnung (ingebrekestelling) mit einer angemessenen Zahlungsfrist (Art. 6:82 Abs. 1 BW).
Verjährte Forderungen: Zahlungsansprüche aus einem Vertrag verjähren in den Niederlanden nach fünf Jahren, gerechnet ab dem Tag nach der Fälligkeit (Art. 3:307 Abs. 1 BW). Die allgemeine Frist von 20 Jahren (Art. 3:306 BW) gilt nur, wenn das Gesetz nichts anderes bestimmt. Auch Zinsansprüche verjähren nach fünf Jahren (Art. 3:308 BW). Eine schriftliche Mahnung oder eine schriftliche Mitteilung, in der Sie sich Ihren Anspruch eindeutig vorbehalten, unterbricht die Verjährung (stuiting, Art. 3:317 Abs. 1 BW). Danach beginnt eine neue Frist von höchstens fünf Jahren (Art. 3:319 BW). Sprechen Sie deshalb möglichst frühzeitig mit einem niederländischen Anwalt, bevor die Verjährung eintritt.
Was tun, wenn der niederländische Schuldner insolvent ist?
Auch bei Insolvenz des Schuldners können Sie handeln, allerdings nicht über das reguläre Inkassoverfahren. Ist über das Vermögen des Schuldners ein Insolvenzverfahren (faillissement) eröffnet, müssen Gläubiger ihre Forderung beim vom Gericht bestellten Insolvenzverwalter (curator) anmelden. Das geschieht schriftlich, mit Angabe von Art und Betrag der Forderung und mit Belegen (Art. 110 Faillissementswet, Fw). Nur so besteht die Chance, aus der Insolvenzmasse — zumindest anteilig — befriedigt zu werden.
In der Praxis bedeutet dies: Sobald Sie erfahren, dass über Ihren niederländischen Vertragspartner ein Insolvenzverfahren eingeleitet wurde, ist Eile geboten. Forderungen müssen spätestens 14 Tage vor der ersten Prüfungsversammlung (verificatievergadering) beim curator eingehen, sofern der zuständige Insolvenzrichter (rechter-commissaris) nichts anderes bestimmt. Später eingereichte Forderungen werden nicht geprüft (Art. 127 Fw). Dann droht der vollständige Forderungsausfall. Unsere deutschsprachigen Anwälte bei MAAK Advocaten beraten Sie umgehend, welche Schritte in Ihrer Situation erforderlich sind — nehmen Sie noch heute Kontakt auf.
Häufig gestellte Fragen zur Forderungseintreibung in den Niederlanden
Ab wann schuldet ein niederländischer Schuldner Verzugszinsen?
Bei einem Vertrag zwischen Unternehmen ab dem Tag nach dem vereinbarten Zahlungsziel; ohne Zahlungsziel grundsätzlich 30 Tage nach Erhalt der Rechnung (Art. 6:119a BW). Der Handelszins beträgt im zweiten Halbjahr 2026 10,4 % (Art. 6:120 Abs. 2 BW). Gegenüber Verbrauchern gilt ab Verzug der gesetzliche Zins von 4 %.
Wie hoch sind die außergerichtlichen Inkassokosten in den Niederlanden?
Sie richten sich nach der Staffel in Art. 2 BIK: 15 % über die ersten 2.500 €, 10 % über die nächsten 2.500 €, 5 % über die nächsten 5.000 €, 1 % über die nächsten 190.000 € und 0,5 % über den Rest, mindestens 40 € und höchstens 6.775 €. Bei einer Hauptforderung von 10.000 € sind das 875 €.
Muss ich den Schuldner vor einer Klage mahnen?
Für die Klage auf Zahlung einer fälligen Forderung ist eine Mahnung rechtlich nicht erforderlich, in der Praxis aber üblich. Wichtig ist sie für den Verzug und damit für Zinsen und Kosten: Ist ein Zahlungsziel vereinbart, tritt Verzug mit dessen Ablauf ohne Mahnung ein (Art. 6:83 lit. a BW); sonst brauchen Sie in der Regel eine schriftliche Mahnung mit angemessener Frist (Art. 6:82 BW). Inkassokosten gegenüber Verbrauchern setzen außerdem eine Mahnung mit 14 Tagen Zahlungsfrist voraus (Art. 6:96 Abs. 6 BW).
Wann verjährt eine Forderung in den Niederlanden?
Zahlungsansprüche aus einem Vertrag verjähren nach fünf Jahren ab dem Tag nach der Fälligkeit (Art. 3:307 BW). Eine schriftliche Mahnung unterbricht die Verjährung (Art. 3:317 BW); danach beginnt eine neue Frist von höchstens fünf Jahren (Art. 3:319 BW).
Welches Gericht ist für meine Klage zuständig?
Forderungen bis 25.000 € behandelt der Kantonrichter, darüber die Rechtbank (Art. 93 Rv). Für grenzüberschreitende, unbestrittene Geldforderungen gibt es das Europäische Mahnverfahren nach der Verordnung (EG) Nr. 1896/2006; zuständig ist in den Niederlanden die Rechtbank Den Haag.
Primärquellen
- Burgerlijk Wetboek Boek 6: Art. 6:82, Art. 6:83, Art. 6:96, Art. 6:119, Art. 6:119a, Art. 6:120
- Burgerlijk Wetboek Boek 3: Art. 3:306, Art. 3:307, Art. 3:308, Art. 3:317, Art. 3:319
- Besluit vergoeding voor buitengerechtelijke incassokosten (BIK), Art. 2
- Besluit vaststelling wettelijke rente, Art. 1 (4 %)
- Wetboek van Burgerlijke Rechtsvordering: Art. 93
- Faillissementswet: Art. 110, Art. 127
- Verordnung (EG) Nr. 1896/2006 zur Einführung eines Europäischen Mahnverfahrens, Art. 2 und 3; Uitvoeringswet verordening Europese betalingsbevelprocedure, Art. 2
- Europäische Zentralbank: Hauptrefinanzierungssatz 2,40 % seit 17. Juni 2026 (Grundlage des Handelszinses nach Art. 6:120 Abs. 2 BW)
MAAK Advocaten ist eine auf niederländisches Wirtschaftsrecht spezialisierte Kanzlei in Amsterdam. Unsere deutschsprachigen Anwälte beraten internationale Mandanten in allen Phasen des niederländischen Inkassoverfahrens.