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Wie läuft ein Gerichtsverfahren in den Niederlanden ab?
Ein Gerichtsverfahren in den Niederlanden beginnt in der Regel mit einer Ladung (dagvaarding), die ein Gerichtsvollzieher dem Beklagten zustellt. Außer vor dem Kantonrichter (kantonrechter) brauchen Sie in der Regel einen Anwalt (advocaat) (Art. 79 Abs. 2 Rv). Nach der Klageerwiderung folgt meist eine mündliche Verhandlung (Art. 131 Rv), danach das Urteil. Dagegen ist in der Regel binnen drei Monaten Berufung möglich (Art. 339 Rv).
Die Anwälte in den Niederlanden von MAAK vertreten regelmäßig deutsche Mandanten in Gerichtsverfahren vor niederländischen Gerichten. Die Mitglieder unseres German Desk sind in Deutschland aufgewachsen. Wir sprechen Ihre Sprache. Wir sind mit den kulturellen Unterschieden vertraut und setzen dieses Wissen gezielt bei der Beratung für Sie ein. Bei einem Gerichtsverfahren in den Niederlanden informieren wir Sie auch immer über die Besonderheiten des niederländischen Prozessrechts. So haben Sie auch in den Niederlanden das Gefühl eines Heimspiels. Nachfolgend beantworten wir die häufigsten Fragen zu Gerichtsverfahren in den Niederlanden.
Wie sind die Gerichte in den Niederlanden aufgebaut?
In erster Instanz gibt es in den Niederlanden elf Gerichte (rechtbanken), die jeweils für einen Bezirk zuständig sind (Art. 1 Wet op de rechterlijke indeling). Innerhalb jeder Rechtbank entscheidet der Kantonrichter unter anderem über Forderungen bis 25.000 € (außer wenn der zugrunde liegende Rechtstitel diesen Betrag übersteigt und bestritten wird) sowie über Arbeits-, Miet- und Handelsvertreterverträge (Art. 93 Rv). Über Berufungen entscheiden vier Gerichtshöfe (gerechtshoven) (Art. 2 Wet op de rechterlijke indeling), über die Kassation der Hoge Raad. Unsere deutschsprachigen Anwälte vertreten Sie vor allen niederländischen Gerichten.
Für bestimmte Streitigkeiten gibt es besondere Kammern. Die Unternehmenskammer (Ondernemingskamer) des Gerechtshof Amsterdam entscheidet etwa über Untersuchungsverfahren zur Geschäftsführung einer Gesellschaft (enquête, Art. 2:345 BW) und über den Ausschluss von Gesellschaftern (Art. 2:336a BW). Beim Netherlands Commercial Court, der internationalen Handelskammer der Rechtbank und des Gerechtshof Amsterdam, können Parteien internationale Streitigkeiten über Rechtsverhältnisse, über die sie frei verfügen können, auf Englisch austragen, wenn die Rechtbank oder das Gerechtshof Amsterdam zuständig ist und sie das ausdrücklich vereinbart haben; Kantonsachen sind ausgenommen; die Vereinbarung wird durch ein Schriftstück nachgewiesen (Art. 32a Rv). Das Gericht in Rotterdam hat eine spezielle Kammer für maritime Streitigkeiten. Unsere deutschsprachigen Anwälte vertreten Mandanten auch vor diesen speziellen Kammern.
Welche Verjährungsfristen gelten und wie wird die Verjährung unterbrochen?
Ansprüche auf Erfüllung eines Vertrags verjähren in der Regel nach fünf Jahren, gerechnet ab dem Tag nach der Fälligkeit (Art. 3:307 Abs. 1 BW). Schadensersatzansprüche verjähren fünf Jahre, nachdem der Geschädigte sowohl den Schaden als auch den Haftenden kennt (Fristbeginn am Folgetag), spätestens aber nach zwanzig Jahren ab dem schädigenden Ereignis (Art. 3:310 Abs. 1 BW); für bestimmte Schäden gelten Sonderregeln. Anders als in Deutschland beginnt die Verjährung nicht erst mit dem Schluss des Jahres. Der Stichtag ist also nicht der 31. Dezember.
Das niederländische Recht arbeitet vor allem mit der Unterbrechung (stuiting) der Verjährung. Unterbrochen wird sie durch Klageerhebung (Art. 3:316 BW); führt die Klage nicht zum Erfolg, wirkt das nur unter den Voraussetzungen des Art. 3:316 Abs. 2 BW. Bei Ansprüchen auf Erfüllung einer Verbindlichkeit (verbintenis) genügt auch eine schriftliche Mahnung oder eine schriftliche Mitteilung, in der sich der Gläubiger sein Recht auf Erfüllung unmissverständlich vorbehält (Art. 3:317 Abs. 1 BW). Nach einer solchen Unterbrechung beginnt am Folgetag eine neue Frist von gleicher Länge, höchstens fünf Jahre (Art. 3:319 BW). Die Verjährung tritt aber nie früher ein als zu dem Zeitpunkt, zu dem die ursprüngliche Frist ohne Unterbrechung abgelaufen wäre (Art. 3:319 Abs. 2 BW).
Welche Schritte hat ein niederländisches Klageverfahren?
Ein Klageverfahren beginnt in der Regel mit einer Ladung (dagvaarding), die der Anwalt des Klägers erstellt und ein Gerichtsvollzieher dem Beklagten zustellt. Die Ladung nennt einen ersten Termin (roldatum). Spätestens am letzten Öffnungstag der Geschäftsstelle vor diesem Termin muss der Kläger sie bei Gericht einreichen (Art. 125 Abs. 2 Rv).
Zwischen Zustellung und erstem Termin muss mindestens eine Woche liegen (Art. 114 Rv). Hat der Beklagte seinen bekannten Wohnsitz in einem Staat, in dem die EU-Zustellungsverordnung gilt, oder in einem europäischen Vertragsstaat des Haager Zustellungsübereinkommens von 1965, sind es mindestens vier Wochen, in anderen Fällen mindestens drei Monate (Art. 115 Rv).
Erscheint der Beklagte nicht, bestellt er keinen Anwalt oder zahlt er die Gerichtsgebühr nicht rechtzeitig, erlässt das Gericht ein Versäumnisurteil (verstekvonnis); einen gesonderten Antrag des Klägers braucht es dafür nicht. Das Gericht gibt der Klage dann statt, es sei denn, sie erscheint ihm unrechtmäßig oder unbegründet (Art. 139 Rv). Gegen das Versäumnisurteil ist ein Einspruch (verzet) möglich (Art. 143 Rv).
Erscheint der Beklagte, reicht er seine Klageerwiderung (conclusie van antwoord) am ersten oder an einem vom Gericht bestimmten späteren Termin ein (Art. 128 Abs. 2 Rv); in der Praxis erhält er dafür in der Regel sechs Wochen, die unter Umständen verlängert werden können. Danach ordnet das Gericht in der Regel eine mündliche Verhandlung an (Art. 131 Rv). Die Wartezeit beträgt oft einige Monate. In der Verhandlung stellt das Gericht Fragen an die Parteien und kann einen Vergleich versuchen (Art. 87 Abs. 2 Rv). Kommt kein Vergleich zustande, ergeht ein Urteil (Zwischen- oder Endurteil).
Können nach der mündlichen Verhandlung noch Schriftsätze eingereicht werden?
Im niederländischen Verfahren gilt im Grundsatz die sogenannte „one shot rule“: Jede Partei hat einen Schriftsatz, die Klage beziehungsweise die Klageerwiderung. Die Klageerwiderung muss alle Einreden und die Verteidigung in der Sache zugleich enthalten und die Beweismittel nennen (Art. 128 Abs. 3 und 5 Rv). Hat das Gericht eine mündliche Verhandlung angeordnet, erhalten die Parteien nur dann Gelegenheit zu weiteren Schriftsätzen (Replik und Duplik), wenn das für das rechtliche Gehör oder eine gute Aufklärung des Falls notwendig ist (Art. 132 Abs. 2 und 3 Rv). Das kann besonders in großen internationalen Verfahren der Fall sein. Parteien können das beantragen; die Entscheidung liegt beim Gericht. Unterlagen müssen in der Regel spätestens zehn Tage vor der mündlichen Verhandlung eingereicht werden (Art. 87 Abs. 6 Rv).
Muss ich als deutscher Mandant persönlich zur mündlichen Verhandlung nach den Niederlanden reisen?
Das Gericht kann das persönliche Erscheinen der Parteien anordnen (Art. 87 Abs. 5 Rv). Dem müssen Sie grundsätzlich nachkommen; aus einem Nichterscheinen kann das Gericht die Schlüsse ziehen, die es für angebracht hält (Art. 88 Abs. 2 Rv). Die niederländischen Gerichte lassen jedoch in vielen Verfahren die Teilnahme per Videoverbindung zu; ob das im Einzelfall möglich ist, entscheidet das zuständige Gericht auf Antrag. Für deutsche Mandanten bedeutet das in der Praxis, dass eine Anreise nach Amsterdam häufig, aber nicht immer entbehrlich ist.
Welche Gebühren und Kosten muss der Kläger vorfinanzieren?
Der Kläger muss die Kosten für seinen eigenen Anwalt, den Gerichtsvollzieher (Zustellungskosten) und die Gerichtsgebühren vorfinanzieren. Bei einer Zustellung ins EU-Ausland können Übersetzungskosten hinzukommen (Art. 56 Abs. 2 Rv). Auch der Beklagte zahlt eine Gerichtsgebühr, wenn er im Verfahren erscheint (Art. 128 Abs. 2 Rv). Die Gerichtsgebühr (griffierecht) beträgt 2026 für nicht natürliche Personen in Verfahren vor der Rechtbank außerhalb der Zuständigkeit des Kantonrichters bei einem Streitwert bis einschließlich EUR 100.000 EUR 3.083, bei einem Streitwert von EUR 100.001 bis EUR 1 Million EUR 7.062 und darüber EUR 10.487. Für Kantonsachen und für natürliche Personen gelten niedrigere, für Verfahren vor dem Netherlands Commercial Court höhere Beträge. Stand: 2026; Quelle: Anlage zum Wet griffierechten burgerlijke zaken.
Kann ein ausländischer Kläger verpflichtet werden, Sicherheit für die Prozesskosten zu leisten?
Ja. Wer ohne Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt in den Niederlanden hier klagt, muss auf Verlangen des Beklagten Sicherheit für die Prozesskosten und einen möglichen Schadensersatz leisten (Art. 224 Abs. 1 Rv). Der Beklagte muss das vor allen anderen Einwendungen verlangen (Abs. 3). Die Pflicht entfällt unter anderem, wenn ein Vertrag oder eine EU-Verordnung das vorsieht, wenn eine Kostenverurteilung am Wohnsitz des Klägers vollstreckt werden kann, wenn eine Vollstreckung in den Niederlanden voraussichtlich möglich ist oder wenn die Sicherheit den Zugang zum Gericht tatsächlich versperren würde (Abs. 2).
Welche Gebühren und Kosten muss die unterliegende Partei an die obsiegende Partei erstatten?
Die unterliegende Partei wird in die Kosten verurteilt (Art. 237 Abs. 1 Rv). Sie erstattet dann in der Regel die Gerichtsgebühren, die Zustellungskosten und die Anwaltskosten in pauschaler Höhe. Unterliegen beide Parteien teilweise, kann das Gericht die Kosten gegeneinander aufheben. Für die Anwaltskosten wenden die niederländischen Gerichte ein sog. Punktesystem (liquidatietarief) an. Prozesshandlungen werden in bestimmte Punkte unterteilt. An diese Punkte werden sodann gestaffelte Beträge gekoppelt. Als Faustregel gilt, je höher der Streitwert, desto höher ist auch der gestaffelte Betrag. Pro Schriftsatz und pro mündliche Verhandlung wird grundsätzlich ein Punkt vergeben. Weniger aufwendige Prozesshandlungen werden mit einem halben Punkt gewertet. Die Summe aller Punkte und dazugehörigen Beträge ergibt die Verfahrenskosten. Die zu erstattenden Verfahrenskosten decken jedoch nur in den seltensten Fällen die tatsächlichen Verfahrenskosten.
Welche Rechtsmittel können gegen ein Urteil eingelegt werden?
Gegen ein erstinstanzliches Urteil ist die Berufung (hoger beroep) zu einem der vier Gerichtshöfe (gerechtshoven) möglich, die jeweils für einen Bezirk zuständig sind (Art. 2 Wet op de rechterlijke indeling). Ausgeschlossen ist sie, wenn die Forderung 1.750 € nicht übersteigt, sofern das Gesetz nichts anderes bestimmt (Art. 332 Abs. 1 Rv). Die Berufungsfrist beträgt drei Monate ab dem Tag des Urteils, im Eilverfahren (kort geding) vier Wochen (Art. 339 Abs. 1 und 2 Rv). Gegen Berufungsurteile ist binnen drei Monaten die Kassation (cassatie) zum Hoge Raad möglich (Art. 398 und 402 Abs. 1 Rv). Im kort geding beträgt die Kassationsfrist acht Wochen, das Doppelte der Berufungsfrist (Art. 402 Abs. 2 Rv). Gegen ein Versäumnisurteil ist dagegen der Einspruch der richtige Rechtsbehelf. Unsere deutschsprachigen Anwälte vertreten Sie vor allen niederländischen Berufungsgerichten.
Ist ein Urteil eines niederländischen Gerichts in Deutschland vollstreckbar?
Ein Urteil eines niederländischen Gerichts ist aufgrund der europäischen Verordnungen in fast allen Fällen auch in Deutschland vollstreckbar.
Häufig gestellte Fragen zu Gerichtsverfahren in den Niederlanden
Wie lange dauert ein Gerichtsverfahren in den Niederlanden?
Eine gesetzliche Höchstdauer gibt es nicht. Die Dauer hängt vom Gericht, vom Umfang des Falls und davon ab, ob eine Beweisaufnahme nötig ist. Für einzelne Schritte gelten feste Fristen: Die Ladungsfrist beträgt mindestens eine Woche, bei Beklagten in Deutschland mindestens vier Wochen (Art. 114 und 115 Rv), die Berufungsfrist drei Monate (Art. 339 Abs. 1 Rv).
Gibt es in den Niederlanden ein Eilverfahren wie die einstweilige Verfügung?
Ja, das kort geding. In allen dringenden Fällen, in denen mit Blick auf die Interessen der Parteien eine sofortige vorläufige Maßnahme nötig ist, kann der Eilrichter (voorzieningenrechter) sie anordnen (Art. 254 Abs. 1 Rv). Außerhalb von Kantonsachen kann der Beklagte in einem kort geding auch ohne Anwalt selbst auftreten, sich aber nicht von einem Nicht-Anwalt vertreten lassen (Art. 255 Abs. 1 Rv). In Kantonsachen entscheidet auch der Kantonrichter im kort geding; dort ist kein Anwalt vorgeschrieben (Art. 254 Abs. 5 und Art. 79 Abs. 1 Rv). Die Berufungsfrist beträgt vier Wochen (Art. 339 Abs. 2 Rv).
Wie unterscheidet sich ein Schiedsverfahren von einem Gerichtsverfahren in den Niederlanden?
Ein Schiedsverfahren setzt eine Vereinbarung der Parteien voraus, Streitigkeiten einem Schiedsgericht zu unterwerfen (Art. 1020 Abs. 1 Rv). Wird trotzdem ein staatliches Gericht angerufen, erklärt es sich für unzuständig, wenn sich eine Partei vor allen anderen Einwendungen auf die Schiedsvereinbarung beruft, es sei denn, diese ist ungültig (Art. 1022 Rv).
Gibt es in den Niederlanden ein Arbeitsgericht?
Ein eigenes Arbeitsgericht wie in Deutschland gibt es nicht. Streitigkeiten aus Arbeitsverträgen entscheidet der Kantonrichter (kantonrechter) bei der Rechtbank, unabhängig vom Streitwert (Art. 93 Buchst. c Rv). Vor dem Kantonrichter können Sie sich auch selbst vertreten (Art. 79 Abs. 1 Rv).
Wie fechten Sie einen Beschluss (beschikking) in den Niederlanden an?
Gegen einen Endbeschluss in einem Antragsverfahren (verzoekschriftprocedure) ist in der Regel die Berufung statthaft, es sei denn, Sie haben sich mit dem Beschluss abgefunden (Art. 358 Abs. 1 Rv). Die Frist beträgt für den Antragsteller und erschienene Beteiligte drei Monate ab dem Tag der Entscheidung (Art. 358 Abs. 2 Rv). Spezialgesetze können abweichende Regeln enthalten.
Primärquellen
- Wetboek van Burgerlijke Rechtsvordering (Rv): Art. 32a, 56, 79, 87, 88, 93, 114, 115, 125, 128, 131, 132, 139, 143, 224, 237, 254, 255, 332, 339, 358, 398, 402, 1020 und 1022
- Burgerlijk Wetboek: Art. 2:336a, 2:345, 3:307, 3:310, 3:316, 3:317 und 3:319
- Wet op de rechterlijke indeling: Art. 1 und 2
- Wet griffierechten burgerlijke zaken, Anlage (Stand 2026)